• Klaus Honner

Service in Corona - Zeiten


Montagmorgen, viertel nach neun – eine ganz normale Woche scheint wie immer ihren Lauf zu nehmen. Als ich gerade dabei bin, den Warenbestand zu pflegen, höre ich, wie die Tür geht. Herein kommt mit suchendem Blick ein mir unbekannter Mann in den frühen Dreißigern. „Guten Morgen“, beginne ich das Gespräch. „Hallo“, sagt er etwas verlegen und ich ahne, worauf das Ganze hinauslaufen könnte. Und schon legt der Unbekannte los: „Ich habe da vor ein paar Wochen einen Ring gekauft, und nun ist der Diamant aus der Fassung gefallen. Können Sie mir das vielleicht reparieren?“

Genau wie ich es mir dachte, denke ich und sage: „Wo haben Sie den Ring denn gekauft? Das war nicht hier bei mir im Laden, oder?“ Das muss der Mann verneinen. Er habe das gute Stück online erworben, bei irgendeiner Schmuck-Plattform. Aber es sei schwierig, da jemanden an die Strippe zu bekommen und so richtig helfen könne oder wolle ihm da auch keiner. „Und da kommen Sie jetzt zu mir und dachten, ich kann Ihnen da weiterhelfen?“, frage ich freundlich. „Na ja, ich hoffe schon, es ist doch für Sie nur eine Kleinigkeit, das wieder festzumachen, oder?“

Ganz schön keck, der Bursche, sage ich zu mir. Erst den Ring online kaufen, aber wenn dann mal was ist, darf dann doch wieder der Fachhändler vor Ort „ran“. Und das am besten für lau, so wie sich das anhört. Nun komme ich ins Überlegen: Soll ich die Reparatur ablehnen und ihm sagen, dass er dahin gehen soll, wo er den Ring gekauft hat? Oder soll ich gegen eine angemessene Bezahlung den Stein fassen? Oder – und das scheint mir der verrückteste Gedanke zu sein – soll ich ihm das Ganze als kostenlose Serviceleistung anbieten in der Hoffnung, dass er mich so in guter Erinnerung behält und in Zukunft bei mir einkauft? Fragen über Fragen, die gar nicht so leicht zu beantworten sind. Und schon gar nicht für einen alteingesessenen Juwelier wie mich, in einer mittleren Kleinstadt irgendwo in Deutschland im Jahr 2020, nach mehr als sechs Monaten Corona.

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